Blaue Kreuze - unten durch
Er ist eines der größten Infrastrukturprojekte in Europa: Der dänisch-deutsche Fehmarnbelt-Tunnel soll Deutschland und Dänemark verbinden.
Doch viele Bürger:innen auf Fehmarn sehen das Projekt sehr skeptisch und bleiben trotz Baubeginn bei ihrem Protest. Wir beantworten die sechs wichtigsten Fragen.
X
- Was bedeuten die blauen Kreuze, die auf Fehmarn überall an Straßen und in Vorgärten stehen?
Seit 2015 sind sie kaum zu übersehen: Von Lübeck bis Puttgarden stehen die großen blaue Kreuze. Sie sind Zeichen des Widerstandes gegen das ambitionierte Fehmarnbelt-Bauprojekt. Die Anwohner befürchten neben großen Umweltschäden im Meer und der angrenzenden Natur auch eine Beeinträchtigung der Lebensqualität auf der Insel durch den zunehmenden Zugverkehr und Baulärm. Bei der Wahl ihres Protestsymbols ließen sich die Organisator:innen von den gelben Kreuzen inspirieren, mit denen Atomkraftgegner:innen gegen das Atommüllendlager in Gorleben im Wendland protestierten.
- Was sind die Hauptkritikpunkte?
Für den Bau des Tunnels muss auf einer Fläche von 100 Metern Breite, 60 Metern Tiefe und einer Länge von cirka 18 Kilometern der gesamte Meeresboden abgetragen und zubetoniert werden. Etwa 600 Tier- und Pflanzenarten, von denen 81 auf der roten Liste stehen, werden davon betroffen sein. Der Naturschutzbund NABU befürchtet außerdem, dass bei den Bauarbeiten aufgewühltes Sediment aufgrund von Strömungen auch noch weit entfernte Riffe belasten könnte. Zusätzlich gilt der Fehmarnbelt als Kinderstube der Schweinswale. Ihr sensibles Gehör könnte durch den Baulärm erheblich gestört werden.
Das Riesenprojekt wirft aber auch aus ökonomischer Sicht Fragen auf: Lassen sich die Kosten in Milliardenhöhe tatsächlich auschließlich durch zukünftige Mautgebühren decken? Ist der offiziell kalkulierte Verkehrsbedarf tatsächlich so hoch wie von den Befürwortern angegeben? Nach neuesten Erkenntnissen und Studien darf dies angezweifelt werden. Dänemark, welches die Hauptkosten für den Bau trägt, bittet bereits um EU-Zuschüsse in Milliardenhöhe.
- Was spricht für den Bau?
Wenn man so will, geht es um nichts weniger als die europäische Integration: Dänemark, im Grunde ganz Skandinavien, kann durch den Tunnel näher an Deutschland und den Rest Europas heranwachsen. Warum? Weil es den Güterverkehr deutlich erleichtern würde. Expert:innen rechnen damit, dass sich die Fahrtzeit von Hamburg nach Kopenhagen auf zweieinhalb Stunden halbieren könnte. Und natürlich soll der Tunnel auch Touristen die Überfahrt erleichtern.
- Gibt es nicht schon eine Fähre?
Na klar! Mit der Reederei Scandlines dauert die Überfahrt 45 Minuten, Kreuzfahrtfeeling kommt allerdings selten auf. Eher wird einem leicht flau im Magen, wenn die See mal wieder rauer ist. Außerdem fährt die Fähre auch nur alle 45 Minuten. Heißt: Wer zu spät kommt, muss warten. In den Ferienmonaten erst recht. Andererseits kann die Fährfahrt auch entschleunigend wirken. Eine willkommene Pause für Touristen wie Berufsfahrer mit typisch dänischen Snacks (Pølser und Zimtschnecken sind ein Muss), überraschend gutem Kaffee und toller Aussicht. Scandlines arbeitet außerdem seit einigen Jahren an der Entwicklung einer emissionsfreien Fähre und bereits jetzt wird die Strecke Puttgarden-Rødby mit Hybridfähren betrieben.
- Was wird zum Schutz der Natur getan?
Die Befürworter:innen des Baus argumentieren damit, dass zahlreiche Studien davon ausgehen, dass die Umwelt vom Bau des Tunnel nicht nachhaltig belastet wird. Unvermeidbare Beeinträchtigungen sollen laut Bauherr Femern A/S kompensiert werden, indem zum Beispiel neu errichtete Zufahrtsstraßen durch neue Naturflächen ersetzt werden. Auf Fehmarn wurden bereits Ausgleichsflächen für verschiedene Vogelarten angelegt und sogar die Konstruktion neuer Riffe ist geplant.
Allerdings: Aufgrund neu entdeckter Riffe im Bereich der Tunnelgrabungen wurden Anfang des Jahres die Bauarbeiten erneut durch eine einstweilige Verfügung gestoppt. Bis Redaktionsschluss gab es keine aktuellen Erkenntnisse, inwiefern der Antrag zum Schutz und Ausgleich der Riffe nachgebessert wurde.
- Wie wird sich Fehmarn verändern?
Bis die achtjährige Bauphase voraussichtlich 2029 abgeschlossen sein wird, verwandelt sich Fehmarn gebietsweise zu einer Großbaustelle: Zementwerke für eine Autobahn und eine neue Bahnstrecke für Güterzüge, die die idyllische Landschaft und ihre Feriengebiete durchkreuzt. Die Bauherr:innen versprechen die Auswirkungen des Riesenprojekts auf ein Minimum zu beschränken. So soll es weder zusätzliche Verkehrsbelastungen durch die Bauarbeiten geben noch Lärm und Staubemissionen eine große Rolle spielen. Auch die Qualität aller Strände und Badegewässer soll erhalten bleiben, so dass Urlauber:innen wie Einheimische weiterhin ungestört Zeit auf Fehmarn verbringen können.

